Leibnizer Journal für Freiheit und Verantwortung
Porträt

Das Geld soll laufen

Silvio Gesell wollte den Markt nicht abschaffen, sondern von einem Privileg befreien, das er im Geld selbst entdeckt zu haben glaubte. Seine Antwort hieß Freigeld.

Silvio Gesell war Kaufmann, Autodidakt und für sieben Tage Finanzpolitiker einer Räterepublik. Er wollte den Markt nicht abschaffen, sondern von einem Privileg befreien, das er im Geld selbst entdeckt zu haben glaubte. Seine Antwort hieß Freigeld – und sie ist klüger, radikaler und widersprüchlicher, als ihre Freunde und Feinde gewöhnlich zugeben.

Silvio Gesell war keiner jener Herren, die der Wirtschaft aus sicherer Entfernung erklären, wie sie zu funktionieren hat. Er studierte nicht Nationalökonomie, er handelte. 1887 ging er nach Buenos Aires und eröffnete ein Geschäft für zahnärztliche und medizinische Artikel. Dort geriet er mitten in die argentinischen Währungswirren der späten 1880er Jahre: schwankende Preise, unsicheres Geld, Krisen und soziale Unruhe. Andere Kaufleute fluchten über die Verhältnisse. Gesell begann, sie zu untersuchen.

Das ist ein Unterschied.

1891 veröffentlichte er im Selbstverlag seine erste geldtheoretische Schrift. Später folgten Bücher, Aufsätze und ein ganzes Gedankengebäude, das er 1916 unter dem Titel Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld zusammenfasste. Gesell war zu diesem Zeitpunkt kein akademischer Niemand mehr. Er war etwas für akademische Kreise viel Unbequemereres: ein erfolgreicher Praktiker mit einer eigenen Theorie.

Seine Ausgangsfrage war von bestechender Einfachheit: Warum geraten Wirtschaft und Handel immer wieder ins Stocken, obwohl Menschen arbeiten wollen, Waren vorhanden sind und Bedürfnisse keineswegs fehlen?

Gesells Antwort lautete: weil Geld warten kann.

Die Ware verdirbt, das Geld wartet

Ein Bäcker muss seine Brötchen verkaufen. Ein Bauer kann die Ernte nicht beliebig lange im Speicher liegen lassen. Ein Fabrikant hat Löhne, Rechnungen und Lagerkosten zu bezahlen. Wer eine Ware anbietet, steht unter Zeitdruck.

Der Besitzer des Geldes dagegen kann die Arme verschränken.

Er kann abwarten, bis die Preise fallen. Er kann den Kauf verweigern, bessere Bedingungen verlangen oder sein Geld aus dem Verkehr ziehen. Gesell sah darin kein moralisches Versagen einzelner Kapitalisten. Er hielt es für einen Konstruktionsfehler des Geldes. Die Ware drängt auf den Markt, das Geld besitzt ein Vetorecht.

„Geld ist Tauschmittel, nichts anderes“, schrieb Gesell. Es sollte den Austausch erleichtern, beschleunigen und verbilligen. Wenn es stattdessen gehortet werde und dadurch Nachfrage verschwinde, erfülle es seinen Zweck nicht mehr. Es werde vom Schmiermittel zum Bremsklotz.

Hier setzte seine Idee des Freigeldes an. Der Begriff ist irreführend, weil er klingt, als solle künftig jemand Banknoten verschenken. Das war nicht gemeint. Gesell wollte Geld mit einer regelmäßigen Haltegebühr versehen. Historisch stellte er sich Banknoten vor, auf die in bestimmten Abständen kostenpflichtige Marken geklebt werden mussten. Wer einen Schein lange behielt, zahlte. Wer ihn ausgab, war ihn los.

Die Haltegebühr sollte den Vorteil des Wartens beseitigen. Wer Bargeld zurückhielt, musste zahlen; wer es ausgab, entging der Gebühr.

Sparen sollte weiterhin möglich sein. Aber Ersparnisse sollten verliehen, investiert oder in andere Vermögenswerte überführt werden. Gesell wollte Tauschmittel und Wertaufbewahrung voneinander trennen. Das Geld sollte laufen; wer Vermögen bilden wollte, sollte etwas damit anfangen.

Ein Angriff auf Privilegien, nicht auf den Markt

Wer bei „Räterepublik“, „Bodenreform“ und „zinsfreiem Geld“ schon die Internationale anstimmt, liegt bei Gesell falsch. Er wollte weder Planwirtschaft noch staatliche Produktionskommandos. Er misstraute gerade jener sozialistischen Vorstellung, ein Ausschuss könne Angebot, Nachfrage, Preise und Bedürfnisse eines ganzen Volkes besser ordnen als Millionen selbständig handelnder Menschen.

Gesell wollte Wettbewerb. Er wollte freien Handel. Er wollte Unternehmertum und das Recht des Einzelnen auf den Ertrag seiner Arbeit. Seine Freiwirtschaft sollte den Markt nicht beseitigen, sondern von Monopolen und leistungslosen Vorrechten reinigen.

Damit war er kein Sozialist im marxistischen Sinne. Er war aber auch kein Liberaler, den man ohne weiteres beim heutigen Eigentümerverein als Festredner auftreten lassen könnte.

Neben dem Freigeld forderte er „Freiland“. Boden, so seine Überzeugung, sei nicht von Menschen geschaffen worden und dürfe deshalb niemandem eine dauerhafte Monopolrente verschaffen. Er wollte Grund und Boden in öffentliches Eigentum überführen und anschließend meistbietend verpachten. Die private Nutzung sollte bleiben, das dauerhafte private Bodeneigentum nicht.

Das ist ein erheblicher Eingriff. Man muss ihn nicht kleinreden, um Gesell gegen den Kollektivismus abzugrenzen. Gerade der Widerspruch macht ihn interessant: Er wollte eine freie Wirtschaft und griff dafür zu einem Instrument, das klassische Liberale als Angriff auf das Eigentum ablehnen müssen.

Gesell war eben kein Parteiprogramm auf zwei Beinen. Er war ein eigenwilliger Systembauer, der überall dort misstrauisch wurde, wo Einkommen nicht aus Arbeit, Tausch, Risiko oder Erfindung entstand, sondern aus einem dauerhaft abgesicherten Privileg.

Sieben Tage im Volksfinanzhaus

Im April 1919 geriet dieser Kaufmann und Geldtheoretiker in eine der bizarrsten Episoden der deutschen Revolutionsgeschichte. Die erste Bayerische Räterepublik berief ihn zum Volksbeauftragten für Finanzen.

Gesells Amtszeit dauerte vom 7. bis zum 13. April. Sieben Tage – kaum genug Zeit, um sich in einem deutschen Ministerium das richtige Formular für die Beschaffung eines Bleistifts aushändigen zu lassen.

Die Räterepublik war ein wirres Bündnis aus Sozialisten, Anarchisten, Idealisten und Leuten, deren politische Begabung im umgekehrten Verhältnis zur Größe ihrer Visitenkarte stand. Gesell passte nur teilweise hinein. Das Historische Lexikon Bayerns zählt ihn zu den Vertretern eines „revolutionären Idealismus bürgerlicher Prägung“. Das trifft es recht gut: Er war Revolutionär, aber kein Freund der kommunistischen Kommandowirtschaft.

Nach dem Ende der Räterepublik wurde Gesell verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt. Im Juli 1919 sprach ihn das Gericht frei. Die Schweiz, in der er zuvor jahrelang als Landwirt und Schriftsteller gelebt hatte, verweigerte ihm dennoch die Rückkehr.

Der kurze Ausflug in die Regierung machte ihn bekannt, aber nicht mächtig. Gesell blieb, was er vorher gewesen war: ein Außenseiter mit Anhängern, Gegnern und einer Idee, die sich nicht ordentlich in das übliche Links-rechts-Regal stellen ließ.

Das Experiment von Wörgl

Gesell starb am 11. März 1930 in der Genossenschaftssiedlung Eden bei Oranienburg. Er erlebte das berühmteste Experiment mit seinen Gedanken nicht mehr.

1932 führte die österreichische Gemeinde Wörgl sogenannte Arbeitswertscheine ein. Die Stadt litt unter Arbeitslosigkeit, Schulden und der allgemeinen wirtschaftlichen Lähmung der Weltwirtschaftskrise. Die Scheine waren durch Schilling gedeckt, konnten für kommunale Zahlungen verwendet werden und verloren ihre Gültigkeit, wenn nicht monatlich eine Marke im Wert von einem Prozent aufgeklebt wurde.

Das Geld wechselte rasch den Besitzer. Die Gemeinde finanzierte öffentliche Arbeiten, nahm Steuern ein und gewann wirtschaftlichen Spielraum. Zeitgenössische Berichte machten aus Wörgl bald ein Wunder. 1933 wurde das Experiment auf Betreiben der österreichischen Nationalbank beendet, die das staatliche Währungsmonopol verteidigte.

Man sollte daraus weder ein Evangelium noch eine Fußnote machen.

Wörgl war klein, das Experiment kurz, die Währung regional begrenzt und vollständig durch reguläre Schilling gedeckt. Die Gemeinde nahm das eigene Geld für Steuerzahlungen an – ein nicht ganz unwichtiges Detail. Dass sich die wirtschaftliche Lage verbesserte, ist gut belegt. Welchen Anteil ausgerechnet die Umlaufgebühr daran hatte, lässt sich dagegen nicht so sauber bestimmen, wie es die Legende vom „Wunder von Wörgl“ gern behauptet.

Gesells Grundidee war damit weder bewiesen noch widerlegt. Aber sie hatte gezeigt, dass Geld keine Naturerscheinung ist. Es ist eine Institution. Und Institutionen kann man anders bauen.

Der Prophet, den niemand bestellen wollte

John Maynard Keynes widmete Gesell später mehrere Seiten seiner General Theory. Er nannte ihn einen „strange, unduly neglected prophet“ – einen merkwürdigen, zu Unrecht vernachlässigten Propheten. Keynes hielt Gesells Theorie nicht für fehlerfrei. Er erkannte aber, dass der Autodidakt aus Buenos Aires ein reales Problem gesehen hatte: die besondere Stellung liquiden Geldes und die wirtschaftlichen Folgen, wenn seine Besitzer nicht mehr investieren oder ausgeben wollen.

Die moderne Debatte über Negativzinsen berührt genau diesen Punkt. Auch dort geht es darum, was geschieht, wenn Geldhaltung attraktiver wird als Investition und die Geldpolitik an eine Untergrenze stößt. Selbst die Deutsche Bundesbank verweist in diesem Zusammenhang auf Gesell als einen frühen Urheber der Idee, Geld mit einem negativen Zins zu versehen.

Das macht ihn nicht automatisch zum Sieger einer hundertjährigen Debatte. Freigeld wirft erhebliche Fragen auf. Menschen können in andere Währungen, Sachwerte oder Ersatzgeld ausweichen. Eine Haltegebühr trifft nicht nur Spekulanten, sondern jeden Bargeldbesitzer. Und wer dem Staat das technische Instrument gibt, Geld planmäßig verfallen zu lassen, sollte sich sehr genau ansehen, welcher Staat da gerade mit welcher Absicht am Hebel sitzt.

Gesell dachte vom freien Menschen aus. Eine digitale Gesell-Maschine in den Händen einer allwissenden Zentralbürokratie hätte ihm vermutlich wenig Freude bereitet.

Sein bleibender Verdienst liegt deshalb nicht in einem fertigen Rezept. Er liegt in der Unverschämtheit seiner Frage: Dient unser Geld dem Austausch – oder dient die Wirtschaft inzwischen dem Geld?

Silvio Gesell wollte den Markt nicht durch ein neues Zentralkomitee ersetzen. Er wollte verhindern, dass einzelne Marktteilnehmer allein durch die Verfügung über Geld und Boden ein dauerhaftes Vetorecht gegen alle anderen erhalten. Man kann seine Lösung ablehnen. Man kann seine Bodenlehre für einen gefährlichen Irrweg und sein Freigeld für technisch naiv halten. Aber man kann ihn nicht redlich zu den Reaktionären rechnen, die bei jedem Problem nach mehr Verwaltung, mehr Lenkung und dem nächsten Fünfjahresplan rufen.

Gesell wollte Bewegung. Wettbewerb. Handel. Eine Ordnung, in der der Einzelne arbeiten, irren, handeln und neu anfangen kann, ohne zuvor die Genehmigung eines Ausschusses einzuholen.

Sein Geld sollte rosten, damit die Gesellschaft es nicht tut.

Quellen